2.20 Die Vorsilbe zer-

Die Vorsilbe zer- bedeutet im Hochdeutschen eine Trennung, Teilung oder Zerstörung.

Die lebendige plattdeutsche Umgangssprache hat keine dem hochdeutschen zer- entsprechende Vorsilbe mehr. Der Begriff der Trennung wird durch Umschreibungen, gewöhnlich mit twei- und voneen- sehr scharf und klar zum Ausdruck gebracht:

in Stücken hau’n
in StĂĽcken snieden
Holt tweimaken
tweidrĂĽcken
dat is voneenfulln
de Schooster hett ĂĽmmer de tweisten Schoh
en tweien Kopp (Gr. 3, 217)1
en tweie BĂĽx (Schet. 36)2
de Pott ward froh noog twei gähn (Tr., A 3)3
de Snee stööv dörch de tweien Ruten (Schet. 23)2
de „Barbara“ … weer voneenbraken (Lau, K. 66)4
Broot tweikrööm’n (W. 271)5
wat Maria dor wol tweiplĂĽckt (F. 4, 20)6
tweisprung as en bunt Sepenblaas (F. 4, 300)6
dat klĂĽng, as wenn en Glas tweispringt (F. 3, 116)7
vorsichtig, dat nix twei ritt (F. 2, 187)8
sien Kuller, den he tweischĂĽĂĽrt hett (F. 2, 232)8

Im älteren Plattdeutsch heißt diese Vorsilbe to-. Allerdings stirbt das to- als Vorsilbe aus. Es ist heute nur noch in wenigen überkommenen Worten und Wendungen gebräuchlich:

He springt herüm as de Düvel in’n toreeten Nett
De BrĂĽch, de is tobraken, wi wĂĽllt se wedder maken

Vor zweihundert Jahren war to- noch gebräuchlicher. Auch in der älteren Literatur wird sie noch häufiger verwendet:

sik tomootbasten (Sch. 1, 72)9
verlaten un toslagen un innerlich toschann (Gr. 3, 305)1
se dach frieli, ehr Hart woor tospringen (Gr. 3, 259)1
dor weer nix toschüürt un toschurrt as bi de Heid oppe Pööl (Gr. 4, 35)[^Gr4]
tobröckeln
von en Blitzslag toreeten un tospleeten (F. 3, 242)7
de Ha’doorn . . . stunn mit sien topluusten Kruuskopp stuur un steil dor (F. 3, 255)7
von MĂĽĂĽs un Rotten tofreeten (F. 4, 214)6
en toschaaten Segelschipp (F. 4, 164)6
twischen de Finger toquetschen (F. 3, 324)7
dat lütt Göör huuk noch in ehr towöhlte Weeg (F. 3, 277)7
de toschunnen Knee (Kl., L. 1, 228)10
sik den Kopp tobraken (W. 70)5
he meent je, Hans is toreeten (W. 278)5

Das dem Hochdeutschen nachgebildete ter- ist eine moderne Bildung und zu vermeiden:

Diss gĂĽng stumm mit ehr wieder, ganz terbraken (Kl., L. 1, 98)10 (besser: ganz broken)

(ursprĂĽnglich Abschnitt 49 in Meyers Buch “Unsere Plattdeutsche Muttersprache”)


  1. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 3 
  2. Schetelig, Lieschen Ströh un ehr Söhn, Garding 1888 
  3. Trede, Abel, Garding 1880 
  4. Fritz Lau, KatenlĂĽd, Garding 1910 
  5. Wisser, Plattdeutsche Volksmärchen, Jena 1914 
  6. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4 
  7. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 3 
  8. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 2 
  9. SchĂĽtze, Holsteinisches Idiotikon, Altona 1800/06: Band 1 
  10. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1