4.29 Die Vorsilbe -un

Die Vorsilbe un- wird im Plattdeutschen häufiger als in der hochdeutschen Umgangssprache verwendet, um unangenehme Erscheinungen anzuzeigen. Der Gegensatz ist dabei ein beliebtes Verstärkungsmittel, ohne dass sich dadurch automatisch eine dem ursprünglichen Wort gegensätzliche Bedeutung ergibt. Ein Beispiel:

Dat is bannig veel Arbeit (sehr viel Arbeit)
Dat is unbannig veel Arbeit (das ist enorm viel, unverhältnismäßig viel Arbeit)

Durch den Gedanken an das mit der Vorsilbe un- ausgesprochene Unangenehme wird zugleich eine Steigerung zum Ausdruck gebracht:

De Kerl ward ĂĽmmer unliediger
De Köh ward unrusig (aufgeregt)
Dor bün ik unnösel ankamen
En rechten Unnösel (Tölpel, Sch. 4, 312)1
Dat wull ik doch so unnoog (ungern, M., T. 22)2
He wull unnood daran (Sch. 3, 160)3
En unnosen, unnaschen Minschen (Gr. 3, 217)4
unnasch Weeder
vertrocken as en unnasch Göör (F. 3, 252)5
Unmaten, unnoos veel Gewicht
Unreedig Tweern
Oppen Unraden kamen (Irrsinn, Gr. 4, 127)6
up en Unraam kamen (irrige Gedanken, Sch. 3, 266)3
Nix as SpinnwĂĽbb un Unrust (GerĂĽmpel)
He hett nix as Undöög in’n Kopp
is en rechten Hans Unband
Hans Unverfeert (Unerschrockener, Sch. 4, 302)1
Maken se sik keen Unmöht (Mühe, Sch. 3, 107)3
Unkoop deist Du nich an ehr (M., T. 40)2
He hett Undeeg (kein Gedeihen) mank sien Köh

(ursprĂĽnglich Abschnitt 96 in Meyers Buch “Unsere Plattdeutsche Muttersprache”)


  1. SchĂĽtze, Holsteinisches Idiotikon, Altona 1800/06: Band 4 
  2. Mähl, Tater-Mariken, Altona 1869 
  3. SchĂĽtze, Holsteinisches Idiotikon, Altona 1800/06: Band 3 
  4. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 3 
  5. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 3 
  6. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 4