2.8 Das Partizip der Vergangenheit

Das Partizip der Vergangenheit (Partizip II oder Partizip Perfekt) hat im Schriftdeutschen die Vorsilbe ge-, im Plattdeutschen ist sie nicht mehr vorhanden (zumindest nicht im Holsteinischen). Im schriftlichen Mittelniederdeutschen ist sie noch vorhanden. Als das Plattdeutsche im 17. Jahrhundert aufhörte, in amtlichen Schriftstücken gebraucht zu werden und fast ausschließlich nur noch im mündlichen Verkehr verwendet wurde, verschwand sie allmählich. Die Formen dieses Partizips sind daher im Plattdeutschen kürzer und gedrungener als im Hochdeutschen:

bunn (gebunden)
hooln (gehalten)
froorn (gefroren)
stött (gestoßen)
he hett mi dat bröch (gebracht)
dat heff ik mi dacht (gedacht)
he hett na di fraagt (gefragt)
wodenni hest’ dat mookt? (gemacht)
dat heff ik mi anwennt (angewöhnt)

Auch wenn das Partizip in der Form eines Adjektivs an einem Substantiv steht, fehlt die hochdeutsche Vorsilbe ge- stets:

smölten Bodder
wunn Spill
rökert Speck
afsett Kleeder
schreeben Schrift
en anbeeten Appel
en laden Flint
en schoorn Schaap
en slooten Döör
de hardfroorn Eer
Tellt Schaap ward ok beeten
Stahlen Goot hett keen Deeg
Witt as de kalkte Wand

In dieser Form wird das Partizip der Vergangenheit auch im schriftlichen Plattdeutsch verwendet:

en optreppte Stuuv (Gr. 3, 17)1
en vullwussen Mäden (Gr. 3, 223)2
de herlopen Deern (F. 4, 41)3
mit fohlte Hand’n (F. 4, 61)4
wi eet kookte Boddermelk (F. 4, 101)5
achter de andauten Ruten (F. 4, 126)6
de ballte Fuust (F. 4, 346)7

Formen wie die folgenden sind als hochdeutsche Nachbildungen anzusehen und daher falsch:

en utgemaakten Dösbattel (Kl., L. 1, 5)8
sin opgeweckten Infäll (Kl., L. 1, 33)9
en utgeblöhte Bloom (Kl., L. 2, 64)10
gemaakte LĂĽĂĽd (Gr. 4, 42)11

Nur in lebhafter Erzählung, wenn das Hilfsverb (“haben” oder “sein”) ausfällt, wird das Partizip der Vergangenheit noch mit der Vorsilbe ge- gebildet, um einen dramatischen Effekt zu erzielen:

un dunn opgesadelt un denn een, twee, dree utgeneiht
un dat na de SchĂĽĂĽn gelopen, den Wagen gehaalt, angespannt, un denn weg

(ursprĂĽnglich Abschnitt 36 in Meyers Buch “Unsere Plattdeutsche Muttersprache”)


  1. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 3, S. 17 
  2. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 3, S. 223 
  3. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4, S. 41 
  4. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4, S. 61 
  5. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4, S. 101 
  6. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4, S. 126 
  7. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 4, S. 346 
  8. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1, S. 5 
  9. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1, S. 33 
  10. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 2, S. 64 
  11. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 4, S. 42