2.10 Das Eigenschaftswort (Adjektiv)

Das Eigenschaftswort (Adjektiv) als Beifügung hat nach dem unbestimmten Artikel (z.B. ein, eine, einer) keine Endungen. Es wird immer die schwache Form verwendet, die starken Endungen sind verloren gegangen. In der Einzahl der sächlichen Hauptwörter steht daher (zumindest im Holsteinischen) die endungslose Form ohne -es:

Hest du keen lĂĽtt Geld?
Wat en goot Peerd is, starvt in de Seeln.
En blinn Hohn find ok mal ein Koorn
En gröön Blatt
en bunt Kleed
en groot Schapp
en hĂĽbsch Dook
dumm TĂĽĂĽg

Es ist mindestens in Bezug auf das Holsteinische (und wohl auch fĂĽr viele andere plattdeutsche Dialekte) nicht richtig, wenn Schriftsteller das hochdeutsche -es als Endung verwenden:

Greten ehr stilles Wirken (Schet. 77)1
so’n lichtes Geföhl keem öwer em (Schet. 92)2
dat is jo leeger as en wildes Tier (Schet. 118)3

Auch die männliche Endung -er ist aus dem niederdeutschen Sprachgebiet fast ganz verschwunden. Sie wird nur noch in den folgenden erstarrten Formen verwendet:

rechter Hand
linker Hand

Diese Dativformen auf -er entstanden dadurch, dass ehemals das Verhältniswort (die Präposition) to darin vorkam, das den dritten Fall regierte:

to rechter Hand
to linker Hand (und heute noch ähnlich: to rechter Tied)

Durch Abstoßung des -er musste beim männlichen Geschlecht der erste Fall (als Subjekt und Prädikatsnomen) endungslos werden. Er wurde durch den vierten Fall mit der schwachen Endung -en ersetzt:

He is ’n goden Kerl
Dat is ’n dummen Snack
He springt herĂĽm as en kopplosen Hahn
Dat weer en swoorn Dag, sä de Buur, do harr he en halben Dag de Göös hödd

Bei Fehrs wird diese Form korrekt verwendet:

Aver hüüt weer wunnerschönen Sünnschien (F., 2, 181)4
Niklaas weer en lĂĽtten dummen Jung (F., 2, 182)5
Vör en dörtig Johr wahn dor noch de ool Peter Pein, en düchtigen Buur (F., 2, 84)6
Mien FrĂĽnd Klaas Hinnerk is en goden un en fixen Kerl (F., 2, 239)7

Falsch sind die aus dem Hochdeutschen entnommenen Formen wie:

Dat is ja ’n staatsche Herr > (richtig: staatschen Herr)
En plattdĂĽĂĽtscher Schriftsteller mutt dorher nich höger stiegen as de Boom Twiegen hett (Kl., L. 1, 17)8 > (richtig: En plattdĂĽĂĽtschen Schriftsteller […])

Da lautgesetzlich das auslautende -e fortgefallen ist, mĂĽsste es beim weiblichen Geschlecht heiĂźen:

en dĂĽchdig Fru
en smuck Deern

Hier zeigt sich jedoch, wie auch noch in anderen Fällen nach dem bestimmten Artikel, dass das beim Hauptwort verstummte -e beim Eigenschaftswort in der Einzahl des ersten und vierten Falls die Neigung hat, sich zu halten. Das Plattdeutsche entwickelt sich zwar in die gleiche Richtung wie das Englische, in dem das Eigenschaftswort endungslos geworden ist. Diese Entwicklung ist jedoch (noch) nicht zum Abschluss gekommen. Man findet daher nebeneinander:

de gode Mann
de good’ Mann
de gröne Koppel
de lĂĽtt Deern
de dumme Jung
de ool Voss

Die Endungen fallen fast immer weg, wenn das Eigenschaftswort ohne Artikel vor dem Hauptwort steht:

Dumm Hans nimmt noch en dĂĽchtig StĂĽck Broot
Mit fuul Hunn ist ni goot jagen
An ool Minschen un ool HĂĽser is alltiet wat to flicken

Die nähere Beschreibung eines Hauptwortes durch ein Adjektiv erfolgt im Plattdeutschen meist nur auf einfache und direkte Art, wie die Beispiele oben zeigen. Dem Hauptwort wird nur ein einziges Adjektiv beigefügt.

Die hochdeutsche Art, im Schriftlichen ganze Wörtergruppen als nähere Bestimmungen zwischen den Artikel und das Hauptwort zu stellen, gibt es im Plattdeutschen nicht. Formen wie die folgenden sollten also vermeiden werden, denn sie entsprechen nicht plattdeutschen Sprachgebrauch:

en geistig denkenden un gebildeten Mann (Kl., L. 1, 37)9
mit so ’n liese, sluchzende Stimm (Kl., L. 1, 86)10
en passende gliekgĂĽltige Wendung (Gr. 4, 52)11

(ursprĂĽnglich Abschnitt 38 in Meyers Buch “Unsere Plattdeutsche Muttersprache”)


  1. Schetelig, Lieschen Ströh un ehr Söhn, Garding 1888: S. 77 
  2. Schetelig, Lieschen Ströh un ehr Söhn, Garding 1888: S. 92 
  3. Schetelig, Lieschen Ströh un ehr Söhn, Garding 1888: S. 118 
  4. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 2, S. 181 
  5. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 2, S. 182 
  6. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 2, S. 84 
  7. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier Bänden, Hamburg 1913: Band 2, S. 239 
  8. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1, S. 17 
  9. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1, S. 37 
  10. Kloth, De Landrathsdochder, Garding 1885: Band 1, S. 86 
  11. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (Unveränderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 4, S. 52