5.2 Beiordnung ohne Konjunktionen

Wie im Hochdeutschen können die SĂ€tze einander beigeordnet (koordiniert) oder untergeordnet (subordiniert) sein. Die Beiordnung kann ohne jede VerknĂŒpfung durch bloße Aneinanderreihung oder durch bestimmte beiordnende Konjunktionen erfolgen. Die Beiordnung ohne Ă€ußere VerknĂŒpfung durch Konjunktionen ist typisch fĂŒr die plattdeutsche Sprache. Einfache, kurze SĂ€tze werden lose nebeneinander gestellt. Ihr logisches VerhĂ€ltnis zueinander wird Ă€ußerlich nicht gekennzeichnet, sondern ergibt sich meist aus dem Zusammenhang.

Beispiele aus Sprichwörtern:

Oort lett nich von Oort, de Katt de lett das Musen nich
De Fuulen dreegt sik doot, de Flietigen loopt sik doot
De RIeken let man gahn, de Armen mööt an den Galgen

Im Hochdeutschen lassen sich diese Sprichwörter auch so verwenden, aber es gibt sort die deutliche Tendenz, Bindewörter einzufĂŒgen, um den Zusammenhang der SĂ€tze eindeutig zu gestalten, zumal die Bindewörter dann gerne betont werden und oft dazu dienen:, dem Gesagten Nachdruck zu verleihen: “Die Reichen lĂ€sst man gehen, aber die Armen mĂŒssen an den Galgen.” Um den gleichen Satz im Plattdeutschen mit Nachdruck zu versehen, kann stattdessen die typisch plattdeutsche Form der Wiederholung verwendet werden: “De RIeken let man gahn, de Armen mööt und mööt an den Galgen”

Ein Beispiel aus einem Gedicht:

De Buur de sitt in de een Eck, de Uul de sitt in de anner Eck, de Buur de kiekt de Uul an, de Uul de kiekt den Buurn an

Ein Beispiel aus einem MĂ€rchen:

De Voss is mol in‘n Winter över’t Ies lopen, dat is recht so‘n kool Weeder west, buten hett dat Pickelsteen froorn, do begeegent em de TĂ€cks (P. V. 8, 25)1

Andere Beipiele:

De Kinner geben em all de Hand un danken. Maren bröch ehr dat bi, Paul mĂŒss allen Dank instrieken, he woor binah verlegen (F. 4, 127)2

Dorto pick de Wandklock luut in de grote stille Dörnsch, dat Licht full so egen dör de Boom in’t Finster, opt Schapp stunn so’n snaaksch Geschirr, he seeg man gliek en blanken Dreefoot un en Kugel in en mischen Rink, he dach richtig, dat muss en Eerdkugel weesen (Gr. 3, 17)3

(ursprĂŒnglich Abschnitt 100 in Meyers Buch “Unsere Plattdeutsche Muttersprache”)


  1. PlattdĂŒtsche Volksböker, Garding 1914 ff., Band 8 
  2. Fehrs, Gesammelte Dichtungen in vier BĂ€nden, Hamburg 1913: Band 4 
  3. Groth, Gesammelte Werke, Kiel 1893 (UnverĂ€nderte Nachdrucke 1898, 1909, 1913, 1918, 1920): Band 3